Datteln 4 ist nicht notwendig

Veröffentlicht von Karsten Wickern am

2014 gingen die Kraftwerksblöcke Datteln 1-3 vom Netz und es passierte: nichts. Sechs Jahre später soll mit Datteln 4 nunmehr das Kraftwerk ans Netz gehen, das diese Blöcke ursprünglich ersetzen sollte. Da 2014 jedoch keine Versorgungslücken entstanden, muss auch nichts kompensiert werden. Es besteht also keinerlei Notwendigkeit Datteln 4 überhaupt in Betrieb zu nehmen.

Uniper wirbt nun damit, dass das Kraftwerk eines der weltweit modernsten und effizientesten sein soll. Stets wird der Wirkungsgrad von 60% erwähnt, sowie, dass 1.055 MW Strom und über die Kraft-Wärme-Kopplung mit 380 MW rund 100.000 Haushalte versorgt werden könnten. Diese Zahlen klingen in der Theorie zwar schön, jedoch sieht die Praxis anders aus.

Das alte Kraftwerk Datteln 1-3
Kraft-Wärme-Kopplung: 380 MW 

Auf dem Gebiet des Altkraftwerks Datteln 1-3 läuft auch heute noch ein Hilfskessel, der 1500 Haushalte versorgt. Nachdem dieser Anfangs noch mit Heizöl lief, wurde er inzwischen umgerüstet auf Erdgas.1)https://www.waz.de/staedte/vest/hilfskessel-sichern-die-fernwaerme-id9162400.html Dieser könnte durch ein Anschalten von Datteln 4 ersetzt werden -oder aber einfach weiterlaufen. Für den Fall, dass die Wärmeversorgung aus Datteln 4 nicht zur Verfügung stehen sollte, hat Uniper am Standort Schamrock sogar eine neue “Besicherungs- und Spitzenlastkesselanlage” zur Reserve installiert.2)https://www.uniper.energy/sites/default/files/2017-09/hintergrundbericht_fernwarme_web.pdf

Datteln hat, was die Fernwärme angeht, zwar eine gute Infrastruktur, jedoch ist E.ON Monopolist und nutzte diese Stellung zuletzt 2015 aus, indem er die Preise drastisch erhöhte. Die Anwohner*innen hatten keine Alternative als mitzumachen und E.ON mehr Geld zu zahlen.3)https://www.24vest.de/datteln/eon-fernwaerme-wird-teurer-12491761.html

Es stellt sich nun die Frage welche 100.000 Haushalte versorgt werden sollen, wenn der Hilfskessel ja bloß 1500 Haushalte versorgt. Das Kraftwerk würde somit weit weniger als die angestrebten 380 MW, bzw. 15% Wirkungsgrad für die Fernwärme herausholen können.
Die Wärme, die zwar aus der Kohle gewonnen wurde, würde dann nicht den Haushalten zugeführt werden, sondern in Form von Dampf einfach in den Kühlturm zu den anderen Abgasen geführt werden und in die Umwelt entweichen.
Darüber hinaus sind die 380 MW nur die maximal mögliche Leistung für z.B. kalte Wintertage. Im Sommer hingegen wird mit maximal 200 MW gerechnet. Große Industrieanlagen, die diese Wärme ganzjährig benötigen und verwerten könnten, gibt es nicht in Kraftwerksnähe.

Strom: 1.055 MW

Nach dem Abschalten der alten Kraftwerke füllten erneuerbare Energieträger, sowie andere Kraftwerke diese Lücke und speisten entsprechend des Bedarfs die Energie ein.
Zu einem Blackout kam es, trotz vieler Warnungen von Unternehmensvertretern und Politikern, nicht. Entsprechend stellt sich die Frage “wohin mit diesem Strom”? Neben Abnehmerverträgen sollen ungefähr 20% des Stroms in das öffentliche Stromnetz eingespeist werden. Diese werden an der Strombörse gehandelt und könnte womöglich den vergleichsweise umweltfreundlicheren Strom aus teuren Gaskraftwerken verdrängen.

Abnehmerverträge

In der Annahme weiser Voraussicht, sicherten sich RWE und die Deutsche Bahn in den Jahren 2005 bis 2007 langjährige Stromlieferungen zu den damaligen “günstigen” Preisen. Sie gingen davon aus schon wenige Jahre später mit Strom beliefert zu werden. Eine Entscheidung, die beide Abnehmer heute sicherlich bitter bereuen.

RWE

RWE kaufte 2005 und 2006 in zwei Verträgen 450 MW. Da die Strompreise seither gesunken sind und auch RWE inzwischen erkannt hat, dass fossile Energieträger nicht für das eigene Image taugen, kündigte man 2017 den Abnahmevertrag mit Uniper.
Uniper hingegen klagte4)https://www.n-tv.de/wirtschaft/kurznachrichten/Uniper-klagt-im-Streit-mit-RWE-article19860796.html gegen die Annulierung der Verträge und gewann damit vor Gericht.5)https://rp-online.de/wirtschaft/datteln-uniper-siegt-gegen-rwe-vor-gericht_aid-19047705 Das OLG Hamm bestätigte dieses Urteil sogar, nachdem RWE in Revision gegangen war. Als letzte Instanz muss nun der BGH über diese Klage entscheiden.6)https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2019-11/48177579-rwe-kaempft-vorm-bgh-gegen-strombezug-aus-datteln-4-015.htm

Bahn

2007 kaufte die Bahn 413 MW Strom in 16,7 Hz, einer Frequenz, wie sie nur die Bahn braucht. Datteln 4 soll rund ein Viertel des gesamten Deutschen Bahnstroms liefern7)https://www.zeit.de/mobilitaet/2020-02/deutsche-bahn-oekostrom-kohlekraftwerk-datteln-4-mobilitaet-klimaschutz -und das in einer Zeit, in der die Bahn große Anstrengungen auf sich nimmt, um möglichst schnell klimaneutral zu werden. Dem größten Stromverbraucher Deutschlands ist Datteln 4 also ein großer “Klotz am Bein” auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Sollte die Bahn nicht, wie RWE, den Vertrag kündigen oder gegen Nichteinhaltung von Seite Unipers klagen, stehen zwei Szenarien stehen im Raum:
1) Die Bahn ruft die Energie gar nicht erst ab, zahlt dafür dennoch brav ihr Geld und versorgt sich stattdessen mit Ökostrom. 
2) Sie nimmt den teureren Strom an und freut sich darauf, wenn im nächsten Jahrzehnt endlich das letzte fossile Kraftwerk vom Netz ist und die Bahn wirklich klimaneutral fährt.
In beiden Fällen wird die Bahn die überhöhten Stromkosten an ihre Kunden, die Bahnfahrer, Sollten diese alten Verträge gekippt werden und Uniper die Bahn und/oder RWE als Großkunden wider Willen verlieren, so würde die Wirtschaftlichkeit des ganzen Kraftwerks in Frage stehen.
Uniper selbst schreibt dazu euphemistisch “Dies könnte die Wirtschaftlichkeit des Betriebs von Datteln 4 deutlich nachteilig beeinflussen.”8)https://ir.uniper.energy/download/companies/uniperag/Annual%20Reports/DE000UNSE018-JA-2017-EQ-D-01.pdf (S. 61)

Quellen   [ + ]

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